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ICH BIN NICHT HYSTERISCH!

Es gab einmal eine Zeit, in der man glaubte, Frauen die sich der Unterdrückung von Männern widersetzten, würde die Gebärmutter ins Hirn oder ins Herz beißen. Noch bis ins 17. Jahrhundert pathologisierte man selbstbestimmte Frauen, die ihre Meinung sagten und sich nicht fügten als „hysterisch“ ( hystera, griech. für Gebärmutter). In dieser Zeit glaubte man noch, ausgehend von der Gebärmutter würden Frauen von dieser Krankheit, die Freud die „Krankheit des Gegenwillens“ nannte, befallen, wodurch sie als überaus egoistisch, anerkennungssüchtig und unreflektiert auffielen. Um diese sehr störende Krankheit zu kurieren wurden den Frauen mit der Erlaubnis des Ehemannes die Gebärmutter entfernt, die äußere Klitoris weggeätzt und Elektroschocks gegeben.

Ich lebe in einer Zeit, in der wieder Menschen, die ihre Meinung sagen von alten Männern als hysterisch bezeichnet werden. Nur sind es heute nicht nur Frauen, sondern vor allem junge Menschen, deren Inhalte mit dieser Bezeichnung als lächerlich und naiv dargestellt werden.

Wenn junge Klimaaktivist*innen Fakten ins öffentliche Gespräch bringen, die schon seit Jahrzehnten bekannt und wissenschaftlich belegt sind, wird vor einer „Klimahysterie“ gewarnt. Die Klimazerstörung ist keine Hysterie, sie ist ein Fakt, der schon jetzt nicht nur Auswirkungen in Deutschland hat, sondern der gerade in diesem Moment für viele Menschen vor allem im globalen Süden lebenszerstörende Folgen hat.

Die Strategie, mit der von den Forderungen auf diese Fakten angemessen zu reagieren abgelenkt wird, ist staubig und patriachal: Mann bezeichnet die Sprecher*innen als naiv, unvernünftig und inkompetent.

Genauso wie nicht Europäer*innen und Frauen früher und auch heute noch als unrational dargestellt werden und damit die Mächtigen versuchen die ungerechte Verteilung von Ressourcen rechtzufertigen, versucht man auch jetzt junge Menschen als hysterisch darzustellen, aus Angst Mann könne den eigenen Reichtum und Privilegien verlieren. Eine berechtigte Angst, wenn man bedenkt, dass 98% des Weltvermögens bei Männern liegt und die einflussreichsten Menschen nach einer Liste der New York Times durchschnittlich 63 sind.

Erläutern Klimaaktivist*innen, dass es auf einem endlichen Planeten keinen unendlichen Wachstum geben kann, ist oft ein netter älterer Herr zur Stelle, der zunächst väterlich den Idealismus und das Engagement lobt und dann aber alles als naiv abtut. Putin macht es nach Greta Thunbergs Rede vor der UN beispielhaft vor: „Niemand hat Greta erklärt, das die Welt kompliziert und komplex ist und sich schnell ändert.“

Ich bin nicht hysterisch. Ob unsere Lebensverhältnisse sich ändern werden oder nicht steht außer Frage. Um die Welt dahingehend zu ändern, dass Menschen auf ihr würdevoll leben können, brauchen wir aber keine homi oeconomici, die den Wandel gestalten, wir brauchen Menschen. Es ist zutiefst menschlich auf das große Leiden, dass durch die Klimazerstörung ausgelöst wird, die Prognosen, die noch verheerendere Krisen vorhersagen, die völlig unverhältnismäßigen Reaktionen der Regierungen und die Verdrängung in der Gesellschaft, mit Wut und Trauer zu reagieren!

Wir brauchen diese Gefühle, denn sie zeigen uns, dass wir Menschen sind, denen es nicht egal ist, dass Leben zerstört wird. Und nur wenn wir selbst lebendig bleiben, können wir für die Lebendigkeit kämpfen, denn wie sollen wir sonst wissen für was wir kämpfen?

Ich kann verstehen, dass die Mächtigen angesichts der immer größer werdenden Erkenntnis, dass alle sich ändern wird, Angst und Bange wird. Klar kommt man da in eine Argumentationsnot, wenn man irgendwie eine hässliche, depressive Gesellschaft, die Ausbeutung von Vielen für Wenige bedeutet, gegen eine klimagerechte Vision verteidigen muss. Da greift man wohl schnell in die historische Trickkiste und behauptet die Menschen seien einfach hysterisch. Es ist ja auch total süß, dass Menschen immer noch an die seltsame Theorie, des unendlichen Wachstums glauben. Aber lasst uns mal die Sache vernünftig angehen: Wir brauchen einen Wandel!

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