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Werd endlich mal erwachsen!

 – Kind sein ist soundso? Erwachsensein ist soundso!

Vor einem Jahr fing ich an das Konzept von Alter zu hinterfragen. Was soll eigentlich diese Zahl? Und was macht die mit uns? Zunächst fielen mir immer mehr Situationen auf, in denen junge Menschen auf Grund ihres Alters und nicht auf Grund von ihrer oder der Bedürfnisse des „Erziehenden“ bestimmte Dinge tun oder nicht tun sollen, bestimmte Eigenschaften zugeschrieben bekommen und in bestimmte Strukturen gesteckt werden, die niemanden der Beteiligten glücklicher macht! Nur weil Menschen jung sind, dürfen sie einfach so in Schulen gesteckt, angefasst, mitgezogen und zum aufessen gezwungen werden. Es sind halt Kinder.

Soundso.

Wir behandeln aber nicht nur Kinder so und so, weil sie als Kinder gelabelt werden, wir behandeln auch Erwachsene oft so und so, weil sie als Erwachsene gelabelt werden. Warum tun wir das? Und was macht das mit uns?

Kinder brauchen feste Bezugspersonen. Kinder brauchen Grenzen. Kinder brauchen einen festen Rhythmus. Kinder brauchen viel Bewegung.

Es gibt viele Glaubenssätze, die wir immer wieder über Kinder hören. Und bei jedem Satz könnten wir fragen: Brauchen das nur Kinder? Oder brauchen wir nicht alle Bezugspersonen, (persönliche) Grenzen, klare Strukturen, die uns Halt geben, brauchen wir nicht alle Bewegung, Dinge die wir lernen können? Warum stecken wir Menschen in Boxen, in denen bestimmte Bedürfnisse, Verhaltensweisen, Fähigkeiten und Gefühle legitim sind und schmeißen sie auf Grund ihres Alters irgendwann in eine andere Box mit anderen Konventionen? Wer könnten wir ohne diese Boxen sein?

Einem bestimmten Bild, wie Kinder zu sein haben: fröhlich, laut, kreativ, naiv, fantasievoll, spielend, unverantworungsvoll, inkompetent Entscheidungen zu treffen, emotional, unvernünftig usw. steht ein Bild eines starken, hart arbeitenden, über seine Emotionen herrschenden, immer die richtigen Entscheidungen treffenden, vernünftigen, weitsichtigen Erwachsenen, an dessen Bild wir alle immer wieder hoffnungslos scheitern.

Erwachsene sind eben auch nur Menschen. Schaue ich mir die Menschen an, die vom Gesetz dieser Personengruppe zugeordnet werden, sehe ich sehr emotionale, taumelnde, strauchelnde unvernünftige, manchmal total überforderte Menschen, die nicht weiterwissen, die nicht immer alles unter Kontrolle haben, die auch immer noch gern matschen und spielen und weinen und sich nicht trauen all dies zu zeigen. Vielleicht würde man dann über sie sagen: „Werd endlich erwachsen!“ Oder „Oh man, das ist ja wie im Kindergarten hier“ oder „Wir sind doch alle erwachsene Menschen hier“

Was soll dieses erwachsen sein?

Natürlich gewinnen wir mehr Lebenserfahrungen, je länger wir auf diesem Planeten uns mit unserer Mitwelt auseinander setzen. Wir lernen Dinge über uns selbst, wie wir fühlen, handeln und denken. Wir lernen viel über andere Menschen, über die Gesellschaft und die Welt und können in unseren Entscheidungen und Handlungsweisen dementsprechend auf mehr Erfahrungen zugreifen, die uns dann vielleicht eine „bessere“ Entscheidung treffen lassen. Auf Grund von Wissen und Erfahrung haben ältere Menschen oft deswegen eine wie es Erich Fromm nennt „natürliche Autorität“, die nicht durch das Alter sondern durch Kompetenz gerechtfertigt ist.

Die Beschäftigung mit Adultismus lässt mich jetzt so erziehungsratgeberreife Sätze, in denen ich (versuche) persönliche Grenzen zu ziehen, sagen wie: „ich will nicht, dass du so viel Zucker ist, weil du dann total überdrehst und ich Ruhe brauche und dich gleich ins Bett bringen will“. Gleichzeitig lasse ich meine Freundin literweise Kaffee trinken, obwohl ich weiß, dass es ihr nicht gut tut und mich es nervt, wenn sie dann stundenlang total aufdreht. Ich sehe zu wie „Erwachsene“ Dinge tun, die richtig schlecht für mich,sie oder die Welt sind. Ich lasse sie Drogen nehmen, sich ungesund ernähren, sich total überarbeiten, unsere Lebensgrundlagen durch total klimaschädliches Verhalten zerstören und sage nichts: es sind ja schließlich erwachsene Menschen.

Auch verbiete ich mir selbst ständig richtig lustige Dinge, wie in Pfützen springen, auf Bäume klettern oder Zwerg spielen aus Angst Menschen könnten denken ich sei in der Entwicklung stehen geblieben und könne nicht in einem Moment spielen und im anderen Moment Verantwortung übernehmen, logisch denken und auch meine Emotionen und Impulse zurückhalten.

Ich verbiete mir auch oft meine Gefühle zu zeigen und mir fällt es sehr schwer zuzugeben, wenn ich mal überfordert bin und Hilfe brauche, wenn ich mal eine starke Schulter zum anlehnen brauche oder ich mich gerade nicht fähig fühle eine Entscheidung zu treffen oder Verantwortung zu übernehmen.

Immer wieder habe ich vor allem in der Schule gelernt, dass es im Konkurrenzkampf um gute Noten besser ist Stärke und Kompetenz zu imitieren, anstatt Unwissen und Schwäche zuzugeben. Auch spielten Gefühle oder Bedürfnisse einfach gar keine Rolle, wurden in keiner Unterrichtsstunde auch nur erwähnt, als hätten Menschen diese einfach nicht. Und wenn doch, dann sollten diese gefährlichen Sachen dringend sublimiert werden: es müssen schließlich starke, gehorsame, ihre Emotionen kontrollierende, vernünftige Erwachsene herauskommen, die dann so richtig hart arbeiten können.

Endlich mal schwach sein dürfen beim the one and only

Aber das Bedürfnis auch mal klein und schwach, unrational und verspielt zu sein, sich geborgen zu fühlen und Teil von etwas Größerem, das uns ein Zuhause-Gefühl schenkt, können wir nicht einfach weg drücken, nur weil die Leistungsgesellschaft das gerne so hätte.

All diese Bedürfnisse landen dann oft in der romantischen Zweierbeziehung (oder in sehr alkoholisierten Zuständen z.B. bei Karneval), in der wir dann die starke, vernünftige Erwachsenenmaske abnehmen und schwach sein dürfen, überfordert sein dürfen, nach Hilfe fragen und oft wieder nach dem Geborgenheitsgefühl suchen, dass wir als Kind hatten, als wir noch nicht als starke unabhängige Individuen uns im Konkurrenzkampf des Kapitalismus behaupten mussten. Wir fangen plötzlich an wieder in Babysprache miteinander zu reden und einander Hasibärchen zu nennen.Viele Beziehungen halten den vielen Bedürfnissen, die plötzlich dort alle auf einmal befriedigt werden sollen, weil sie nirgendwo sonst in der Gesellschaft da sein dürfen, nicht stand. Denn genauso, wie wir lernen müssen schwach voreinander zu sein, haben wir auch sehr wenig Übung darin, wie wir in einer gesunden nachhaltigen Weise füreinander da sein können. Wie auch?

Verbunden sein ohne Angst zu haben.

Seitdem Menschen ihre Produktionsmittel weggenommen wurden (sie sich also nicht mehr auf ihrem Land selbst versorgen konnten), sind wir zutiefst abhängig von den Strukturen eines kapitalistischem Systems, das mich mit Nahrung versorgt, mir eine Unterkunft ermöglicht und in dem wir fast alle unsere Bedürfnisse mit der Strategie „Geld“ befriedigen können.

Gleichzeitig wird aus allen Ecken die „Unabhängikeit“ angepriesen: Liebe dich selbst nur genug, dann bist du glücklich! Du musst dein Potential ausfüllen, lass dich von nichts und niemandem einschränken! Jeder kann es schaffen, du bist deines eigenen Glückes Schmied!

Menschen haben aber das tiefe Bedürfnis in Verbindung zu gehen; abhängig zu sein ohne Angst zu haben.

Die Ära der Unverbindlichkeit

Immer wieder begegnet mir auch in alternativen Kreisen das Problem der Unverbindlichkeit, unter der wir alle leiden: in WGs, in Projekten, Beziehungen und Familien. Weil wir alle so darunter leiden und das nicht ewig aushalten, müssen dann doch wieder so altbackene Strukturen herhalten, wie die Kleinfamilie, nur weil wir zu feige und unkreativ sind um alternative verbindliche Gemeinschaften zu erschaffen, die uns gut tun. Strukturen, in denen wir von vielen Menschen abhängig sind und nicht nur von der eierlegenen Wollmilchsau, unserer romantischen Zweierbeziehung. Wir brauchen Strukturen, in denen das spielende, emotionale, schwache, naive und impulshafte so sehr da sein darf wie das vernünftige, starke, logische und kontrollierte.

Denn genauso wie es oft authentische Begegnung und bedürfnisorientierte Strukturen verhindert Menschen in die Kinderschublade zu packen, verhindert es auch Menschen in die „Erwachsenenschublade“ zu stecken, ihnen bestimmte Bedürfnisse und Gefühle abzusprechen und ein einfach unrealistisches Bild zu haben, an dem wir alle scheitern und dann denken, wir wären flasch und ungenügend.

Let’s do it together!

Es ist an der Zeit kreativ zu werden und Beziehungen zwischen Menschen egal welchen Alters wirklich bewusst und aktiv nach unseren Bedürfnissen und Fähigkeiten zu gestalten, statt in immer die gleichen Muster und Rollen zu fallen. Ich möchte Räume einladen in denen Menschen taumeln, fragen, straucheln, schwach sein dürfen, wo Impulse und Emotionen einfach da sein dürfen und das verrückte, verspielte Zuhause finden kann.

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