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Sexismus und Adultismus

Wir sitzen bei einem unserem Naiv- Kollektiv Treffen. Wir reden über unsere Erfahrungen mit Adultismus. Ich schaue in die Runde. Und als ich so in die vielen lieben Gesichter gucke, merke ich, dass wir alle weiblich gelesene Menschen sind. Und frage mich, ob es da einen Zusammenhang gibt.

Feminismus ist out

Ich sitze an einer Staßenbahnhaltestelle und lese Simone de Beauvoir als ich einen Trupp wild bemalter weiblich gelesene Menschen, die laut gackern und rosa Sekt in sich reinzischen sehe. „Määädels, foto!“ ruft eine von ihnen und alle posieren vor einem glitzerndem Smartphone. 69 Jahre nach dem Erscheinen des Buches, das ich gerade in den Händen halte. Und ich denke an Hipster-Hausfrauen, die rosane Cupcakes backen und an die 21 %, die Frauen* immer noch weniger verdienen als Männer*.

Ich steige in die Bahn, halte mich oben an der Stange fest, sodass man die Haarpracht unter meinen Achseln sieht. Einige weiblich gelesene junge Menschen sitzen vor mir, blicken entsetzt auf mich, und fangen an zu kichern und zu tuscheln. „Richtig ekelhaft“ prustet eine und ich brauche ein paar Momente bis ich verstehe, was genau gemeint ist.

Die Kindfrau

In der Bahn sitzt auch eine Person in einem Wagen, gekleidet in viel Glitzer und Rosa, und sie ist ziemlich frustriert und aggressiv. Ihre Bezugsperson ist ziemlich genervt: „wütende Mädchen wollen wir nicht haben“. Zu einem Jungen würde man vielleicht sagen: „So viel Durchsetzungsvermögen, toll aus dem wird mal was“, aber dieser kleine Mensch verlernt ziemlich schnell widerständig zu sein, Aggression als Kraftquelle anzuerkennen und Wut zuzulassen.

Mit 12 begann ich mich zu schminken, mich zu rasieren, achtete mehr auf meine Kleidung und genoss das. Es war ein Ausdruck von dem was ich unter „erwachsen werden“ verkauft bekam und ich erhoffte mir dadurch mehr Selbstbestimmung. Aber was ist das für ein „Frau-sein“ was vielen Mädchen heute vermittelt wird? Und warum nennen sich so viele erwachsene Frauen immer noch „Mädels“?

Frauen werden so viel und lange wie möglich klein gehalten, indem wir ihnen weiterhin kindliche Eigenschaften zuschreiben. Frauen dürfen keine Haare haben, wo Frauen nun mal Haare haben, um auszusehen wie Mädchen. Attraktiv gelten Frauen, die kleine Schritte machen, die eine helle Stimme haben, große Augen, die lieb und nett und ein bisschen dümmlich sind. Frauen sollen auch möglichst unberührt bleiben, also mit wenigen Männern Sex haben um unschuldig wie ein Kind zu bleiben. Wir alle kennen Darstellungen von „“Kindfrauen”“ (Lolita), die immer größere Beliebtheit erfahren.

Frauen wurden und werden immer noch als unmündiger, unvernünftiger, unverantwortungsvoller und inkompetenter gehalten. Die gleichen Attribute werden immer noch Kindern zugeschrieben.

Der starke Mann

Männlich sozialisierte Menschen dürfen hingegen bloß keine Schwäche zeigen. „Stell dich nicht so an“ „Ist doch gar nicht schlimm“ „Indianer kennen keinen Schmerz“(doppelt doof!), sind Sprüche, die vor allem kleine Jungs gesagt bekommen. Erschreckend wenig männlich sozialisierte Menschen können einfach so weinen, Fehler machen oder über Ängste reden. Studien belegen, dass schon kleine Jungs nur auf Grund ihres Geschlechts weniger angefasst und getröstet werden. Männlich gelesene Menschen können sich in vielen Kreisen nicht einmal in den Arm nehmen ohne als „schwul“ oder „Mädchen“ bezeichnet zu werden. Anscheinend beides schreckliche Vorstellungen.

Adultismus als Diskriminierungsform

Menschen werden bei allen Diskriminierungsformen in Gruppen aufgeteilt, so auch bei Sexismus und Adultismus: in Frauen und Männer, in Kinder und Erwachsene. Beiden Gruppen werden dann bestimmte Eigenschaften und Rechte zugeteilt. Frauen sind zart, empathisch und sind aufgrund von genetischen Anlagen für Sorgetätigkeiten gut geeignet. Männer hingegen sind unemotional, vernünftig und können gut einparken. Kinder sind süß, spielen gerne mit Puppen und Autos und sind impulsgesteuert. Erwachsene sind verantwortungsbewusst, können ihre Emotionen und Impulse kontrollieren und immer die richtigen Entscheidungen treffen. All diese Zuschreibungen werden oft mit Argumenten aus der Biologie untermauert. Wir nehmen Menschen nicht mehr ernst, weil sie in der Trotzphase, der Pubertät oder der Menopause sind, gerade menstruieren oder schwanger sind oder sich sonst irgendwie erlauben nicht leistungsfähig in unserm Verständnis zu sein. Mit diesen Argumenten rechtfertigt man dann das eine Gruppe Macht über die andere ausübt, das Ressourcen ungleich verteilt werden, Entscheidungen zugunsten der herrschenden Gruppe gefällt werden und die Bedürfnisse, Fähigkeiten und Perspektiven der beherrschten Gruppe übergangen werden.

Authentische Begegnung nach Bedürfnissen und Fähigkeiten

Alle Menschen sind unterschiedlich und haben unterschiedliche Fähigkeiten und Bedürfnisse.

Statt einen Menschen auf Grund seines Äußeren einer bestimmten Gruppe zuzuordnen und dem entsprechend erlernte Verhaltensmuster anzuwenden, können wir uns immer wieder fragen: Was ist in diesem Menschen gerade lebendig? Was braucht er? Und was sind seine Fähigkeiten? Dann können wir in Abstimmung mit unseren eigenen Bedürfnissen und Fähigkeiten eine authentische Begegnung zwischen Menschen lebendig werden lassen und nicht zwischen Rollen.

Ich bin nicht mein Alter, ich bin nicht mein Geschlecht, ich bin ich.

Als ich verstanden habe, dass die Unterteilung in die zwei Geschlechter sozial konstruiert ist, hat sich das unglaublich befreiend für mich angefühlt. Nicht mehr die Rolle „Frau“ leben zu müssen und mir vorzustellen, wer ich ohne Geschlecht sein könnte, ohne dieses Label, fühlt sich großartig an. Ich kann frei experimentieren mit dem was in mir lebendig ist und da lebt ziemlich viel. Ein ähnliches Gefühl hatte ich jetzt, als ich verstanden habe, wie sehr „Alter“ gesellschaftlich konstruiert wird. Mich zu fragen „wer könnte ich ohne mein Alter sein?“ hat mich dazu gebracht, mich mehr einzumischen, mehr Verantwortung zu übernehmen, mehr das zu machen worauf ich Lust habe und meine eigenen Bedürfnisse und Empfindungen ernster zu nehmen.

Adultismus bereitet Sexismus den Weg

Durch Adultismus als erste erlebte Diskriminierungsform lernen wir vom Beginn unseres Lebens, dass Herrschaftsverhältnisse normal sind. Das macht es möglich, dass wir später sexistisches und rassistisches Verhalten eher hinnehmen und uns erst wieder dafür sensibilisieren müssen.

Schon früh werden krasse Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen gemacht, womit alle in ihrer individuellen Entwicklung beschnitten werden. Ich denke an mein Entsetzen, als man mir irgendwann verbot oberkörperfrei durch unseren Garten zu rennen, mit gespreizten Beinen zu sitzen und kurze Haare zu tragen. So ein krasser Eingriff in die Freiheit und Selbstbestimmung des Menschen wäre ohne Adultismus nicht möglich.

Auch verlieren wir durch Adultismus die Verbindung zu unseren Gefühlen und Bedürfnissen, weswegen man uns später besser die Bedürfnisse einreden kann, die gut für den Erhalt des Systems sorgen. Wir wundern uns, dass ein Drittel der Mädchen zwischen 11-15 Formen von Essstörungen haben, während wir junge Menschen ständig zwingen Dinge zu essen, die sie nicht mögen und zwar dann wann wir es wollen. Wir zwingen Menschen still zu sitzen und wundern uns dann, wenn sie ihren Spaß an Bewegung verlieren. Jeder Mensch kommt mit einem richtig tollen Körper auf die Welt, was tun wir, dass so viele Menschen anfangen gegen ihren eigenen kämpfen? (und alte weiße Männer damit richtig viel Umsatz machen)

sexy Frau, süßes Kind

Ich fahre mit meinem Fahrrad durch die Stadt und sehe überall blonde dünne Frauen, die mich anlachen und so tun, als wären sie glücklich oder geil. Und ich sehe Kinder.

Kinder bilden neben Frauen den größten Teil in der Werbung ab. Und während weiblich gelesene Menschen als begehrenswerte Objekte verwendet werden, werden Kinder als süße Objekte benutzt. Dabei werden junge Menschen immer fröhlich, frech und tapsig dargestellt und nie als stark, selbstbestimmt und ernst.

Intersektionalität

Verschiedene Formen der Diskriminierung wirken nicht einfach nur als Summe. Adultismus und Sexismus sind miteinander verwoben, stehen nicht in Konkurrenz zueinander und wirken intersektional.

Besonders schwindelig wird mir im Kopf, da Adultismus eine Diskriminierungsform ist, die wir alle einmal erfahren, aus der wir aber herauswachsen und plötzlich auf der anderen Seite stehen. Mit den Auswirkungen in der Tasche.

Wenn ich noch andere Diskriminierungsformen in das Geflecht dazu hole, komme ich erst so richtig ins Grübeln, wie hängt Adultismus mit Rassismus zusammen? Und erst mit Klassismus? Es eröffnen sich immer mehr Fragen in meinem Kopf, ich hebe ab in wolkige Theoriewelten.

Down to earth

Was mache ich mit all diesen Begriffen? Ich bin etwas überfordert. Und dann erinnere ich mich daran, dass wir alle gleichwertige Menschen sind. Und das ist so wahr, dass ich diese Wahrheit in jeder Begegnung finden kann, wenn ich den Menschen in die Augen gucke. Und sie ist auch viel wahrer als die vielen Vorurteile und Diskriminierungsstrukturen, die davor wabern wie dicker schwerer Nebel. Wir müssen uns einfach immer wieder daran erinnern.

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