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Als Kind tätig sein

Wie bewerten wir die Tätigkeiten junger Menschen?
Welche Rolle spielt “Arbeit” in unserer Gesellschaft und wie wollen wir in unserer Utopie arbeiten?

Mein Mitbewohner findet Arbeit richtig doof. Immer wenn seine Bezugspersonen nicht da sind, dann sind sie nämlich „arbeiten“. Und er ist viel lieber mit ihnen zusammen, als mit Menschen, die Zeit mit ihm verbringen, nur um dafür Geld zu bekommen.

Tätig sein ist mehr als arbeiten

Arbeit ist in unserer Gesellschaft ein sehr identitätsstiftendes Element. Wenn wir von jemensch wissen wollen, was er so macht, dann bekommen wir meist die Tätigkeit genannt, für die dieser Mensch Geld bekommt.

Das höchste Ansehen haben Tätigkeiten, für die man nicht nur viel Geld bekommt, sondern in denen man auch viel Macht ausübt. Tätigkeiten, die Menschen erfolgreich oder einflussreich wirken lassen, wie Popstars oder Manager*innen.

Care-Tätigkeiten hingegen werden selten als „Arbeit“ bezeichet. Keine Frau würde auf die Frage, was sie denn so mache, anworten: Ich bin Stillerin. Und keine Frau würde als besonders einflussreich oder erfolgreich angesehen werden, wenn sie sagen würde: Ich habe heute drei Stunden mit Stillen verbracht. Viele solcher Tätigkeiten, wie Nahrungsmittel anbauen, Zuhören, Kochen, Putzen usw. sind für unser Leben essenziell und werden dennoch nicht gesehen. Nicht gesehen werden auch die Tätigkeiten von Kindern. Diese werden oft als „Spiel“ oder „Lernen“ bezeichnet, nicht aber als „Arbeit“.

Aber was hat die gesellschaftliche Bewertung unserer der Tätigkeiten mit unserem Alter zu tun?

Der Mensch kommt mit dem dringenden Bedürfnis auf diese Welt, tätig zu sein. Jedes Kind beginnt ohne Bezahlung oder Belohnung zu laufen und zu sprechen und erschließt sich dann seine Umwelt durch spielen, forschen und fragen.

Dabei wird das Spiel nicht als etwas Produktives gesehen, der Mensch kann daraus keinen Profit schlagen. Für die meisten Spiele und auch für Bildung muss man sogar Geld bezahlen, was bedeutet, dass der kleine Mensch auf Kosten von den großen Menschen tätig ist. Der Vater bringt seine Tochter zum Kindergarten und bezahlt mit dem Geld, das er gegen seine Arbeitskraft eingetauscht hat, dass seine Tochter tätig werden darf. Dabei wird Spielen meist als etwas betrachtet, das Vergnügen bringt, es ist nicht ernsthaft sondern „kinderleicht“ und trägt nicht zur Gesellschaft bei. Das Bauen eines Klötzchen-Turmes kann also schnell mal für „wichtigere“ Tätigkeiten durch Erwachsene unterbrochen werden. Das Gefühl, nichts Relevantes beitragen zu können, wird von vielen jungen Menschen verinnerlicht und führt dazu, dass sie sich nicht zutrauen, Verantwortung zu übernehmen, weil sie „noch zu jung“ sind.

Dass Spielen oder Lernen als Selbstzweck (nicht für einen Abschluss), in unserer Gesellschaft kein hohes Ansehen haben, kann man auch an der Sprache sehen. Wenn etwas „kinderleicht“ oder als „ein Kinderspiel“ bezeichnet wird, dann vermitteln wir kleinen Menschen, dass ihr ernsthaftes konzentriertes Abmühen z.B. am Bauen eines Turms nichts wert sei. Auch Wörter wie „kindisch“ oder „naiv“ gelten in unserer Gesellschaft als Schimpfworte und krude Politiker*innen werden nicht selten mit Kindern verglichen.

Die Gesellschaft sieht junge Menschen durch eine adultistische Brille

Adultismus bezeichnet die Diskriminierung junger Menschen aufgrund ihres Alters.

Junge Menschen werden oft als noch nicht fertige Menschen angesehen, die noch zur Schule gehen und erzogen werden müssen um auf die „richtige“ Welt vorbereitet zu werden.Viele Lernaufgaben an denen Kinder in der Schule verzweifeln, scheinen im Vergleich z.B. mit dem Erlernen der ersten Sprache lächerlich und einfach. Trotzdem ist Lernen für die allermeisten Kinder und Jugendliche heutzutage etwas Negatives.

Ihnen fehlt oft die Begeisterung, ihre intrinsische Motivation, tätig zu werden, zu forschen, sich an Dingen abzuarbeiten und sich darin als wirksam zu erfahren. Kleinkinder haben den Zustand der Begeisterung noch ca. 50 Mal am Tag. Bei diesen Zustand werden im Gehirn neuroplastische Botenstoffe ausgeschüttet, die dann zur Festigung und Erweiterung der neuronalen Netzwerke führen, die in diesem Moment gerade gebraucht werden. Bei Erwachsenen kommt dieser Zustand wenn man Glück hat vielleicht zwei Mal im Jahr vor.

Was also passiert mit jungen Menschen, dass sie diese Begeisterungsfähigkeit verlieren?

Man erzieht sie. Der Tagesrythmus von Kindern, mit was sie sich wie lange beschäftigen, wann und was sie essen, wann sie schlafen und wann sie aufstehen, mit wem und wie lange sie etwas tun wird von den Bezugspersonen bestimmt und oft werden die Bedürfnisse des jungen Menschen untergeordnet oder nicht verstanden. Dabei verliert dieser Mensch nicht nur seine Begeisterungsfähigkeit, indem er ständig aus seinem Flow gerissen wird um sich mit „wichtigeren“ Dingen zu befassen, sondern er verliert auch das Gespür für seine eigenen Bedürfnisse. Mehr noch, er bekommt das Gefühl, diese wären nicht wichtig oder gar falsch. Sätze von geliebten Menschen wie: „ist gar nicht schlimm“, wenn es ganz offensichtlich gerade schockierend für diese junge Person ist, hingefallen zu sein, oder: „stell dich nicht so an“ sind immer noch geläufig. Auch werden junge Menschen ständig gegen ihren Willen angefasst, geküsst, auf den Arm genommen oder weggetragen und werden, wenn sie versuchen mit ihren Mitteln Grenzen zu setzen, als „süß“ oder „frech“ bezeichnet. Besonders verletzend ist es, dass ein Mensch den sie lieben, und der ihnen sagt, er liebt sie, ihnen dies antut. Die einzigartigen Gefühle und Bedürfnisse und Talente ein jedes Menschen werden durch dieses Vorgehen übersehen, unterdrückt und eingestampft. Und dadurch auch die Fähigkeit selbstbestimmt Entscheidungen zu fällen, auf die eigenen Bedürfnisse und seine Gefühle zu hören, diese zu kommunizieren und durch individuelle Talente Verantwortung für sich und die Welt zu übernehmen.

Wir lernen nie, selbstbestimmt Entscheidungen zu treffen

Und wenn wir volljährig und fertig mit der Schule sind und jahrelang fragen mussten, ob wir den Klassenraum verlassen dürfen um auf Toilette zu gehen, keine wirkliche relevanten Entscheidungen für unser Leben selbst treffen durften und uns die Lerninhalte wie bei McDonalds als vorgefertigte „Lernmenüs“ vorgesetzt wurden, müssen wir plötzlich entscheiden, mit welcher Tätigkeit wir in unserem Leben auf dieser Welt wirken möchten.

Bis zu diesem Punkt und eigentlich noch viel weiter, bis zum Ende unserer „Ausbildung“, hat unsere Tätigkeit keinen anderen Sinn auf der Welt, als uns zu „fördern“. Alle Matheaufgaben, die ich in der Schule gelöst habe, sind schon gelöst worden, alle „Experimente“ in Chemie und Physik sind schon durchgeführt worden, die Texte, die ich in der Schule geschrieben habe, liest keiner aus Interesse oder Vergnügung, sondern nur um sie zu benoten. Selbst im Philosophie- oder Sozialwissenschaftsunterricht werden hauptsächlich Inhalte von Vordenker*innen auswendig gelernt um sie bei einer Klausur zu reproduzieren. Und auch in Musik und Kunst werden Stücke und Bilder analysiert und reproduziert, aber es geht meistens um alles andere als, darum selbst kreativ zu werden. Meist geht es einfach darum zu erraten was der Lehrer hören will, nicht darum selbst nachzudenken. Man hält Menschen also gezielt davon ab sich selbst in ihrer Wirksamkeit, in ihrer Schaffenskraft zu erfahren und Verantwortung zu übernehmen.

Nach unserer Kindheit könnten wir also „frei“ entscheiden, wie wir in unserer Zeit auf der Welt wirken wollen.

Wie kommt es dann also, dass Menschen in einer Zeit in der wir (nur um ein paar Beispiele zu nennen) das schnellste Artensterben seit 65 Millionen Jahren haben, wir uns auf einem Pfad von 3-6° Klimaerwärmung bis zum Ende des Jahrhunderts befinden, und in der acht Menschen auf dieser Welt so viel besitzen wie die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung, Menschen entscheiden eine Bankkauffraulehre zu beginnen oder Englisch auf Lehramt zu studieren?

Natürlich können wir nach 18 Jahren Fremdbestimmung schwer unser Gehirn auf Selbstbestimmung umschalten und machen dann einfach wieder das, was unsere Bezugsperson oder die Berufsberaterin oder die Medien uns sagen, aber es gibt auch noch andere Gründe.

Der Kapitalismus beraubt uns der Möglichkeit mit der Tätigkeit in der Welt beizutragen, die uns Sinn und Freude stiftet, da wir uns von uns selbst und anderen entfremdet haben. Das System beraubt uns als Kinder, indem wir nicht dem Lernweg nachgehen können, der uns begeistert und er beraubt uns als Erwachsene, da wir uns nicht mit der Tätigkeit einbringen können, die wir als notwendig und erfüllend erfahren.

Wie sinnvoll ist unsere Arbeit heute?

Viele Menschen sind gezwungen absurden Tätigkeiten nachzugehen, die in keiner Weise dem Leben dienen – einfach um ihre Existenz zu sichern. Menschen schlafen heute eine Stunde weniger als noch vor hundert Jahren. Jeder Fünfte in Deutschland leidet unter Burn-out und 85% haben innerlich schon gekündigt. Dabei kommt es zu einem großem Missverhältnis zwischen den Tätigkeiten, die sinnvoll sind, wie Stillen, Kochen, Klos putzen, Gemüse anbauen, Zuhören usw., welche schlecht bis gar nicht bezahlt sind und Tätigkeiten, wie Geld hin und her schieben, Menschen ausbeuten, nervige Werbung produzieren, welche sehr hoch bezahlt sind.

Arbeit stiftet uns unsere Identität, wie nichts anderes in unserer Gesellschaft. Wer jedoch nicht viel arbeitet und über Stress und Zeitmangel klagt, läuft Gefahr als faul und nicht ehrgeizig genug abgestempelt zu werden.

Auch Kinder leiden unter diesem Konkurrenz- und Leistungsdruck. Eine 40 Stundenwoche in der eine sechsjährige zum Objekt von diversen „Fördermaßnahmen“ wird, ist nicht unüblich. Die Bedürfnisse junger Menschen, z. B. viel Zeit in einem festen Beziehungsnetz zu verbringen, werden dabei oft übergangen; in unserer Gesellschaft scheint es sogar als fahrlässig zu gelten, mehr als vier Stunden pro Tag mit den jungen Menschen der Familie verbringen zu wollen, anstatt sie ständig an Förderinstitutionen outzusourcen. Denn aus den Sprösslingen sollen schließlich leistungs- und konkurrenzfähige Bürger*innen werden. Anstatt zu schauen, wer dieser Mensch ist, dominiert die Angst darüber, dass er mal nichts werden könnte.

Dass junge Menschen Bedürfnisse wie Autonomie oder Wirksamkeit haben, wird ihnen abgesprochen. Und es entsteht eine Haltung bei den Erziehungsberechtigten, die meint, immer zu wissen, was den Kindern jetzt – und vor allem in Zukunft – gut tun wird, à la: „Später wirst Du mir noch dankbar sein!“

Nicht nur junge Menschen sind betroffen von Diskriminierung aufgrund ihres Alters. Auch ältere Menschen werden durch Konventionen dahingehend eingeschränkt, dass sie z.B. nicht mehr Weinen, Spielen und Fehler machen dürfen. Als eher jung gelesener Mensch versuche ich in generationsgemischten Räumen, weniger zu lachen, mit tiefer Stimme zu sprechen und äußere statt der Begeisterung, die in mir lebendig ist, eher kritische Beiträge um nicht als naiv, inkompetent, unerfahren und unverantwortlich abgestempelt zu werden. Beginnen älter gelesene Menschen damit sich „jung“ zu verhalten, werden sie oft als „senil“, „in der Entwicklung stecken geblieben“ oder „verrückt“ bezeichnet. Ihnen werden oft Bedürfnisse nach Berührung, Spiel, Spontanität, Feiern, Abenteuer, Begeisterung und Hoffnung komplett abgesprochen. Sowohl junge als auch alte Menschen leiden unter dem gesellschaftlichen Konzept „Alter“, das authentische Begegnung mit dem Fokus auf den einzelnen Menschen, mit seinen Bedürfnissen und Gefühlen, verhindert.

Mir hat es sehr geholfen, Adultismus als Diskriminierungsform zu erkennen. Ich finde es wichtig zu reflektieren, was diese Zahl, nach der wir so oft gefragt werden und die eigentlich so wenig über uns aussagt, mit uns macht, und wer ich ohne sie sein könnte. Wir alle können etwas gegen Adultismus tun, indem wir mit Menschen darüber sprechen und gemeinsam darüber nachdenken, wie wir mit und über junge Menschen reden, wie wir Regeln aufstellen und wie wir die Strukturen gemeinsam schaffen können, die uns allen entsprechen. Die Welt, in der wir leben, ist gestaltbar!

 

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