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“Ich stell jetzt mal dieses Kind ruhig”

Wie äußert sich Adultismus in unserer Sprache?

Ich bin mit einer Freundin auf einem Spielplatz und während sie vergnügt im Sand buddelt, gucke ich in die Wolken. Neben uns steht eine Bank mit zwei Müttern, “ihre” Kinder spielen irgendwo im Geäst.

Tobias hat da echt eine Begabung für, das hat er von seinem Vater, der spielt auch Geige“flötet die eine Mutter. Ich runzle die Stirn und versuche mich mit den Wolken von den Pseudowissenschaftlichen Theorien über Begabungsvererbung abzulenken. Es geht dann immer weiter so, ihre Kinder werden in höchsten Tönen gelobt, gepriesen und wildeste Theorien über ihre zukünftige Berufslaufbahn werden prophezeit.

Dann stürmen die jungen Menschen aus dem Gebüsch, einer von ihnen ist voll mit Blättern und Matsch. Seine Mutter reagiert wütend, sie scheint ziemlich sauer darüber zu sein, wie unvorsichtig ihr Sohn mit den Klamotten umgeht, die sie kauft und wäscht. Genervt sagt sie zu ihre Freundin „Dieses Kind. Es hat nur Unsinn im Kopf.“ und dann irgendwann, als der beschuldigte Mensch anfängt zu protestieren höre ich den Satz „Ich stell dieses Kind jetzt mal ruhig“ und sie zerrt ihn mit Richtung Ausgang.

Meine anti-adultistischen Ohren zucken bei den Wörtern „Kind“ und „es“ zusammen.

Unsere Sprache ist ein Spiegel unserer Sicht auf die Welt. Welche Worte ich benutze zeichnen beim Empfänger andere Bilder im Kopf. Unsere Sprache ist Ausdruck für bestimmte Glaubenssätze, die ich verinnerlicht habe, bestimmte Bilder, die ich über die Welt in mir trage, wie zum Beispiel Rollenbilder. Wenn ich zum Beispiel Ausdrücke benutze wie „weiblich gelesene Menschen“, drückt das aus, dass ich mir bewusst darüber bin, dass es Menschen gibt die zunächst weiblich gelesen werden, sich selbst aber nicht als weiblich verstehen. Auch wenn Menschen Wörter für Personen oder Personengruppen benutzen wie „die Ausländer“,„diese Ische“, „Ökos“ oder „Mädels“, dann liefert das auch immer ein bestimmtes Bild mit, je nachdem in welchem Kontext ich mich befinde.

Für mich zeichnet es ein anderes innere Bild wenn ich sage „Die Person, die im Wagen sitzt weint“ oder „Das Kind im Wagen weint“. Schon alleine einen Menschen „es“ zu nennen, also das Pronomen für Dinge zu benutzen, irritiert mich total. Und es zeigt eine bestimmte Sicht auf diese Menschen. Wir sehen sie in dem Moment nicht als Menschen sondern als Objekt.

Ich habe schon oft gemerkt, wie in dem Moment als Menschen den Kontakt zu „ihren“ Kindern verloren haben, aufhörten über sie mit ihrem Namen zu reden, sondern stattdessen über „das Kind“ sprachen. Das fühlt sich für mich ziemlich unverbunden an. Wir hören in diesem Moment auf Empathie mit dem Menschen zu haben und rechtfertigen sein Verhalten mit der Zuschreibung zu einer Personengruppe „Es ist halt ein Kind“. Welche Motivation, welche Empfindungen und welche Bedürfnisse dann hinter dem Verhalten stecken, verschwinden dadurch. Stattdessen wird der Mensch mit einem Label etikettiert , das rechtfertigt auf eine bestimmte Art mit ihm umzugehen.

Wir könnten uns in solchen Situationen daran erinnern immer wieder in Verbindung mit den Gefühlen und Bedürfnissen des Gegenübers zu gehen und zu reflektieren was die Motivation für sein handeln ist. Das bedeutet nicht, dass wir nicht mehr sauer oder frustriert unseren Ärger äußern können, sondern, dass wir mit uns selbst und unseren Mitmenschen das leben was lebendig ist und uns alle dabei lebendig zu lassen.

Unsere Sprache ist voll von Adultismus. Wir vergleichen krude Politiker*innen mit Kindern, würden aber zu einem Vierjährigem nie sagen „jetzt mal mal nicht hier einen auf Trump“. Wir missbiligen Gruppendynamiken mit „das ist ja wie im Kindergarten hier“ und sagen nicht im Kindergarten „Das ist ja wie im Bundestag hier“. Wenn wir jemanden als kindisch bezeichnen, dann ist das ein Schimpfwort und wenn wir etwas als „kinderleicht“ bezeichnen, dann wollen wir damit ausdrücken, dass es keine Mühe macht. Dabei mühen sich junge Menschen bei ihren Tätigkeiten andauernd ab und viele von diesen könnten große Menschen gar nicht mehr leisten.

Oft höre ich auch, dass junge Menschen nicht mit ihrem Namen beschrieben werden, sondern mit ihrem familiärem Status. Als wären sie noch nicht selbst vollständige Subjekte, die es Wert sind einen Namen zu tragen, also eine eigene Identität zu haben, sprechen wir über sie als “Das Kind von meiner Schwester” oder “die Tochter von meiner Nachbarin”, anstatt zu sagen “meine Nichte, Marie” oder “meine Nachbarin Gertrud”. Oft ist das Alter für das Verständnis für die Beziehung oder die Geschichte die gerade erklärt wird nämlich komplett irrelevant.

Ich werde weiterhin meine anti-adultistischen Ohren spitzen und versuchen eine neue Sprache zu üben, die meiner Sicht auf Menschen entspricht. Es gilt immer wieder Brücken zu schlagen, mögen sie auch noch so wackelig sein, hin zu einer Utopie, in der alle Menschen gleichwertig miteinander auf dieser Welt leben können und auch so miteinander sprechen.

Welche Worte versuchst du zu vermeiden?

Wie fühlt es sich für dich an “Person” oder “junger Mensch” statt Kind zu sagen?

Wie erlebst du es oder hast es erlebt, wenn andere über dich als “es” gesprochen haben?

2 thoughts on ““Ich stell jetzt mal dieses Kind ruhig”

  1. @ Anna:
    Geht mir ähnlich. Wobei ich kürzlich am Rande mitbekommen habe, dass es wohl Eltern gibt, die wollen dass ihr Kind als “es” bezeichnet wird, weil sie dem Kind kein Geschlecht mit ihrer Sprache zurodnen wollen. Das finde ich sehr befremdlich und auch bedenklich.

  2. Hm. Ich möchte dir nicht grundsätzlich widersprechen. Nur anmerken, dass ich selbst aktiv versuche, von meinem “Kind” zu sprechen und auch andere Kinder als solche zu bezeichnen um damit zu vermeiden, die Kinder ständig zu gendern bzw auch permanent auf diese Kategorie abzuheben. Damit geht die Verwendung des Pronomens “es” einher. Auch bei “das Baby”.

    Ja, ich zucke tlw bei der Verwendung auch zusammen (gerade bspw bei der Frage in der Schwangerschaft, was “es” denn sei), aber mir ist es doch lieber, als ständig von den Mädchen und den Jungen zu sprechen… (wobei es bei Mädchen grammatikalisch ja auch “es” wäre)

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