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Wie ist es für Dich Kind zu sein? Ein Interview

Zwei Häuser gegenüber von meinem Wohnort lebt eine Familie, die aus sieben herzlichen Menschen unterschiedlichsten Alters besteht. Vor einigen Tagen habe ich mit den beiden Jüngsten einen Nachmittag kletternd in einem Kirschbaum bei der Kirschernte verbracht. Da wir uns besser kennen lernen und ein bisschen unterhalten konnten, kam in mir wieder die Idee auf, jüngere Menschen nach ihren Erfahrungen zu fragen. Denn bei einem unserer Naiv-Kollektiv-Treffen ist uns bewusst geworden, dass wir bisher sehr wenige Menschen direkt nach ihren Erfahrungen gefragt haben, die tagtäglich von Adultismus betroffen sind.

Annabell hat sich bereit erklärt, mir einige Fragen zu beantworten. Ich erhoffe mir von ihren Antworten ein klareres Bild darüber zu kriegen, wie es sich für sie anfühlt als Kind gesehen und behandelt zu werden – sie ist nämlich zehn Jahre alt und geht, wenn sie nicht gerade Ferien hat, wie die meisten anderen Kinder zur Schule.

Wann ist es für Dich schön, etwas mit Erwachsenen zu unternehmen und wann nicht?

„Wenn wir uns alle unterhalten, beim Mittagessen zum Beispiel gemeinsam über ein Thema reden, ist das schön. Doof finde ich es dann, wenn Erwachsene über etwas reden und mich dann raus schicken und sagen: „das ist noch nichts für Kinder“ oder „das darfst Du nicht hören!“.“

Hast Du immer das Gefühl, Deine Meinung sagen zu können?

„Bei meiner Mutter zum Beispiel kann ich oft meine Meinung sagen aber bei fremden Erwachsenen nicht so oft.“

Freust Du Dich aufs Erwachsen-Werden?

„Einerseits ja, weil ich dann mehr Sachen machen kann, die man dann erst machen darf – Autofahren zum Beispiel. Aber andererseits wird weniger auf einen aufgepasst oder Rücksicht genommen – Autos halten nicht mehr so oft an, wenn man mal über die Straße will.“

Was gefällt Dir an Deinem Alter?

„Dass ich nicht arbeiten muss. In der Schule muss ich nicht viel machen, ich habe mehr Freizeit, kann mich mit Freunden treffen, freier sein. Ich bin nicht so verpflichtet.“

Denkst Du Erwachsene können etwas von Kindern lernen?

„Bestimmt, irgendwas.“

Nach längerem Überlegen:
„Kleinere Kinder sagen öfter ihre Meinung. Erwachsene oder ältere Kinder wollen eher dazu gehören, aber die Jüngeren denken darüber nicht so viel nach.“

Was möchtest Du an der Welt verändern?

„Dass nicht so viele Leute wegen Krieg aus Ländern flüchten müssen. Und, dass nicht mehr so viele Drogen genommen werden. Vor allem vor Menschen, die besoffen sind habe ich manchmal Angst. Sie gefährden ja dann auch andere Menschen, wenn sie besoffen Auto fahren.“

Später, während ich das Interview abtippe, kommt Annabell noch mal herein und fügt der letzten Frage noch folgendes hinzu:

 „Und ich will, dass Kinder die gleichen Rechte haben, wie Erwachsene. In der Hinsicht zum Beispiel, dass ihnen nicht einfach gesagt werden kann „Du musst jetzt aber ins Bett!“- obwohl Ferien sind. Ich will, dass sie sowas selbst bestimmen dürfen.“

2 thoughts on “Wie ist es für Dich Kind zu sein? Ein Interview

  1. Das ist der Anfang einer schönen Reihe. Mehr davon!

    Ich bin sehr besorgt über das, was vor sich geht: Vor ein paar Tagen stand in der Zeitung meiner Stadt ein Beitrag, der so viel Stolz über die Errungenschaft ausdrückte, nun noch mehr Geld in den Ausbau der Ganztagsschulen zu stecken. So dass manche Schulen nun schon eine Betreuung von 7:30 bis 18 Uhr ermöglichen – und bei manchen ist der Ganze obligatorisch. Ich frage mich, wie ein Interview mit einem Mädchen aus einer solchen Schule aussehen würde… Ich frage mich, ob die Freiräume für junge Menschen ganz akut vom Aussterben bedroht sind. Ich frage mich, was das mit uns allen machen wird…. Wie es für mich gewesen wäre… Ob auch nur ein Erwachsener sowas wählen, dulden, ertragen würde… Eine dauerhafte Beaufsichtigung, kein Raum, um mit selbstgewählten Menschen an selbstgewählten Orten zu spielen… Leere Straßen, leere Wälder, leere Spielplätze… Überall Erwachsene, die kommentieren, anleiten, animieren oder sogar bewerten, meckern, schimpfen, kommandieren… Eins kann ich umgedreht sagen: ich glaub, ich würde heute nicht nochmal Kind sein wollen, jedenfalls nicht unter den Umständen, die heutzutage die Norm darstellen/vorgibt.

    Mehr Interviews!

    Alles Liebe!
    Franziska

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