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Steil nach oben

Mehrmals wöchentlich radle ich an diesem Schaufenster vorbei. Es gehört zu einer Apotheke, und die steht an jener Kreuzung, deren Ampel eigentlich immer rot ist und wirklich lange Schaltphasen hat. Ich habe also ausreichend Gelegenheit, die Werbung auf mich wirken zu lassen, die seit Monaten das Schaufenster schmückt: Auf einem großen Plakat sehe ich eine schwangere Frau. Das T-Shirt, das sich über ihrem prall gerundeten Bauch spannt, ist mit einer kindlich-stilisierten Rakete in Lilatönen bedruckt. „Für einen guten Start“, lautet der Slogan für ein Präparat, das Babys im Mutterleib mit allerlei Extranährstoffen zu versorgen verspricht. Seltsam, bevor eine Pharmaindustrie damit bestens verdienen konnte, vertrauten wir darauf, dass ein mütterlicher Körper in der Lage ist, diese Versorgung zu gewährleisten – aber das ist ein Nebenpfad.

Die Ampel schaltet auf Grün und ich radle mit einem mulmigen Gefühl weiter. Die niedliche lila Rakete weist steil nach oben, obwohl der Weg aus dem mütterlichen Bauch heraus doch eindeutig nach unten führt.

Wo landen all diese Kinder, die gar nicht landen dürfen, sondern direkt von der Hochleistungsgebärmutter in die Zielgerichtetheit einer Optimierungsgesellschaft geschossen werden?

Es muss um jeden Preis nach oben gehen.

Was für eine Basis haben diese Raketenkinder? Wo können sie Wurzeln schlagen? Und warum dürfen sie nicht erst einmal auf der Erde ankommen, bevor sie Weltraumforscher*innen werden müssen?

Viele Dank an Heike Pourian! Die Geschichte erschien (in etwas anderer Form) zuerst in dem Buch “Eine berührbare Welt. Contact Improvisation als gesellschaftsbewegende Kultur”, mehr dazu: www. beruehrbarewelt.de

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